#7 – Probefahrt mit dem Model S

Wir fahren mit dem Aufzug in den dritten Stock, als wir aus dem Fahrstuhl kommen stehen wir nicht in einem Flur sondern sofort in einem Büro im Industriestil. Hinter einer Empfangstheke sitzt eine Dame, sie begrüßt uns freundlich und sagt: „Sie möchten bestimmt zu Herrn Müller*“

Ja, das möchten wir. Da tritt Herr Müller auch schon hinter einem Pfeiler hervor – er ist noch jünger als der Verkäufer bei Mercedes und schlägt vor, gleich runter ans Auto zu gehen und loszulegen. Keine Frage nach dem Führerschein, kein Formular, keine Selbstbeteiligung. Er zieht seine Jacke an und greift sich ein iPad vom Schreibtisch, dann betreten wir zusammen den Fahrstuhl und fahren wieder runter.

Er zeigt uns zuerst den Frunk (Frontkofferraum, ein Kofferwort aus Front und Trunk für Kofferraum) und dann den hinteren Kofferraum mit dem darin liegenden UMC (Universal Mobile Connector, damit läßt sich der Wagen an vielfältigen Stromanschlüssen aufladen).

Dann steigen wir ein, ich fahre als erster und nehme auf dem Fahrersitz Platz. Der Verkäufer sagt:

Willkommen in der Zukunft

Ja, sieht ganz cool aus hier und der hochkant eingebaute 17″-Bildschirm in der Mitte des Armaturenbretts dominiert alles. Aber wir saßen vor 2 Wochen im neuen E-Klasse-Raumschiff, ehrlich gesagt sieht es da mehr nach Zukunft aus. Ich sage nichts dazu und stelle erstmal meinen Sitz und die Spiegel ein, dann wähle ich die Fahrstufe D. Die Bedienelemente hinter dem Lenkrad, wie Gangwahlhebel, Blinkerhebel, Lenkradeinstellung sowie die Spiegeleinstellung und Fensterheber in den Türen kommen mir sehr vertraut vor, stammen sie doch aus dem Mercedes-Regal und werden zum Teil auch bei der aktuellen E-Klasse eingesetzt.

Der Verkäufer sagt „der Wagen läuft jetzt, treten Sie einfach auf das rechte Pedal, dann fährt er los“ … tatsächlich, wir rollen lautlos an. Es klingt wie bei einem normalen Auto – wenn der Motor abgewürgt wurde und man im Leerlauf ausrollt – die einzigen Geräusche kommen vom Fahrtwind und dem abrollen der Reifen. Klar, das hatte ich prinzipiell ja auch erwartet, trotzdem ist es ungewohnt, seltsam und etwas unheimlich – macht aber sofort Spaß.

„Verkäufer“ ist die falsche Bezeichnung für den Tesla-Mitarbeiter auf dem Beifahrersitz, er erklärt die ganzen Funktionen des Wagens, es sind viele und vieles ist anders als man es von Verbrennern gewohnt ist. Nennen wir Herrn Müller also ab hier „Berater“, das trifft zwar auch nicht ganz, passt aber auf jeden Fall besser als Verkäufer. Ich habe nicht einmal das Gefühl, dass er mir was verkaufen will. Er erklärt einfach, tippt ab und zu was in sein iPad und läßt das Auto sich selbst verkaufen.

Ich bin inzwischen froh, dass der Berater mitfährt. Es ist zwar einfach nur ein Auto, aber mit vielen neuen Funktionen und Eigenheiten, die sich viel leichter entdecken lassen, wenn sie jemand erklärt.

Die Lenkung ist extrem direkt, der Wagen nimmt jeden Millimeter Gas sofort an. Wobei Gas geben natürlich falsch ist, wir geben ja Strom. Wird sich der Ausdruck „Gas geben“ in der Zukunft erhalten, falls sich Elektroautos durchsetzen und Verbrennungsmotoren nach und nach aus dem Straßenbild verschwinden? Werden sich künftige Generationen von Autofahrern fragen, was das treten des Pedals mit „Gas“ zu tun hat? Wird sich stattdessen Fahrpedal oder Strompedal durchsetzen? Werden wir künftig überhaupt noch Pedale treten? Warten wir es ab, ich nenne das rechte Pedal ab jetzt einfach Strompedal.

Wird der Druck auf das Strompedal verringert, bremst der Wagen deutlich ab. Je mehr Druck man wegnimmt, umso mehr bremst der Tesla, ab einer gewissen Verzögerung gehen dabei sogar die Bremslichter an. Der Elektromotor arbeitet dann als Generator und gewinnt Energie zurück, dieser Vorgang wird rekuperieren genannt. Dadurch wird nicht nur Strom gespart, sondern auch das Fahren fast ausschließlich mit einem Pedal ermöglicht. Lediglich um ganz zum Stillstand zu kommen, muss kurz die Bremse angetippt werden.

Im Cockpit, das komplett von einem Flachbildschirm dargestellt wird, ist der eigene Wagen zu sehen wie er zwischen der Fahrbahnmarkierung fährt, sowie andere Verkehrsteilnehmer neben oder vor einem. Fehlt die Fahrbahnmarkierung auf der Straße, wird auch im Cockpit keine angezeigt. Man sieht auch ob die Scheinwerfer eingeschaltet sind, sowie die Rückleuchten, Bremslichter und Blinker. Es sieht ein bisschen nach einem Computerspiel aus.

Wir fahren zum SuC (Supercharger, Schnellladestationen exklusiv für Tesla-Fahrzeuge) im nahe gelegenen Hirschberg. Auf dem Weg dorthin habe ich die Gelegenheit mal kurz das Strompedal etwas mehr zu drücken, der Tesla beschleunigt sofort eindrucksvoll. Wir haben das letzte Autobahnkreuz vor dem SuC passiert, in einigen Kilometern kommt die Abfahrt. Ich probiere, entsprechend den Erklärungen  des Beraters den Autopilot aus. Tatsächlich schwimmt der Wagen alleine im Verkehr mit und kann sogar Spurwechsel automatisch durchführen, wenn man ihm einen Wink gibt. Interessant, aber auch echt unheimlich.

Da ist schon die Abfahrt, wir fahren von der Autobahn runter, der SuC mit 8 Ladestationen liegt zwischen einer Tankstelle und einem McDonalds. Nur ein Tesla steht dort und lädt. Wir fahren an die erste Ladestation und steigen aus. Der Berater zeigt uns wie das aufladen funktioniert. Keine große Sache, einfach mit dem Key Fob (Tesla-Schlüssel, Key Fob = eng. für Schlüsselanhänger) den Ladeport öffnen und den Stecker der Station in die Buchse des Wagens stecken, schon gehts los.

Wir steigen wieder ein und gucken uns die Ladeanzeige im Auto an, sowie ein paar Audiofunktionen, neben einem DAB-Radio ist TuneIn und ein Premium-Konto bei Spotify automatisch dabei. Der Tesla hat seine eigene SIM-Karte und somit dauerhaft Internetverbindung. Sogar einen Browser gibt es, allerdings ist er nicht gerade besonders schnell und Flash oder andere Videoformate spielt er erst gar nicht ab.

Da wir nur zu Vorführzwecken da sind und genug Saft im Akku haben, stöpseln wir wieder ab und fahren weiter. Diesmal sitze ich hinten und meine Frau fährt zurück in den Mannheimer Hafen. Hinten sitzt man ganz gut, wobei mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte mal auf dem Rücksitz saß. Es bleibt mir aber auch keine Zeit darüber nach zu denken, ich starre abwechselnd meiner Frau über die Schulter ins Cockpit, auf die Straße, auf den 17″ Monitor und wieder ins Cockpit.

Der Berater fragt beiläufig wie wir unser Model S ausstatten würden, tippt und wischt dann unsere Angaben in sein iPad. S60D, also Allrad, Panoramaschiebedach wie beim Vorführer, 19″-Felgen (das sind die kleinsten!), Solid Black Lackierung, Zierleisten Escheholz schwarz, Dachhimmel schwarz, SuC inkl., Komfort-Paket, Autopilot 2 und Ultra High Fidelity Sound. So beiläufig wie Herr Müller die Daten abgefragt hat, geben wir Sie durch.

Wir fragen nach ob der Vorführer das optionale Soundpaket hat. Hat er und Herr Müller führt es uns mit einem von ihm gewählten Mainstreamsong aus Spotify vor. Hmm, wir kennen das Lied nicht und sind auch ganz froh darüber. Die Anlage scheint ganz ok zu sein, wir würden sie zwar eher mit etwas anderem testen, z.B. mit The Prodigy – Breathe oder vielleicht Herr von Grau – Lächeln. Wir sagen aber beide nichts außer „…ah, ok, wir können das wieder leiser machen…“ und verschieben den richtigen Test auf ein andermal – Herr Müller hat uns ja angeboten das Auto auch mal übers Wochenende zu bekommen.

Meine Frau testet auf der Landstraße den Lenkassistenten, sie fährt nur ca. 80km/h als sie ihn einschaltet, deshalb beschleunigt der Tesla erstmal automatisch – klar, hier sind ja auch 100km/h erlaubt. Sie muss sich ganz schön überwinden, nicht selbst zu lenken als wir auf eine Linkskurve zurauschen. Aber der Wagen lenkt souverän durch die Kurve und wird automatisch etwas langsamer um dem vor uns fahrenden PKW nicht zu dicht aufzufahren. Sehr cool, aber auch unheimlich und ungewohnt!

Dann sind wir auch schon wieder im Hafen und parken vor dem rostigen Gebäude. Ich nehme noch eine Visitenkarte von Herrn Müller entgegen und wir verabschieden uns auf dem Parkplatz.

* alle Namen werden im Blog zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte verändert

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